
Musik voller Sogkraft: Mendelsohns „Lobgesang“ unter Leitung von Jan Hoffmann
Mit einem ebenso schillernden wie klangmächtigen Werk setzte sich der Chor des Stadttheaters, des Gießener Konzertvereins und der Wetzlarer Singakademie am Dienstagabend im Sinfoniekonzert im Stadttheater glanzvoll in Szene. Unter der Leitung von Chordirektor Jan Hoffmann, der voller Leidenschaft dirigierte, erklang Felix Mendelsohn Bartholdys Sinfonie Nr. 2 B-Dur op. 52 („Lobgesang“) in einer großartigen, geradezu überwältigenden Wiedergabe. Welch eine Sogkraft in dieser Musik steckt und welche Kräfte sie fordert, zeigte sich am Ende, als die Ausführenden erschöpft den lang anhaltenden Schlussapplaus entgegennahmen.
Mendelssohns unbekannteste Sinfonie, der „Lobgesang“, ist ein gewichtiges Werk, das im 19. Jahrhundert zu den beliebtesten Stücken des Komponisten gehörte, im Verlauf des 20. Jahrhunderts in Vergessenheit geriet und bis heute gerne vernachlässigt wird. Mendelssohns großer Gegner Richard Wagner bezeichnete es gehässig als „blöde Unbefangenheit“, doch der Biograf Adolf Lampadius sah darin „das reinste göttliche Licht“.
Hell strahlend
Jan Hoffmann, den Musikern des Philharmonischen Orchesters Gießen, dem über 100-köpfigen Riesenchor sowie den vorzüglichen Gesangssolisten ist es zu verdanken, dass dieses Licht im Stadttheater hell erstrahlte. Schon im sinfonischen Teil, in dem die Posaunen gleich zu Beginn (leider nicht sauber) das Thema des Psalms „Alles, war Odem hat, lobet den Herrn“ vorgaben, zeigte sich Hoffmann als elanvoller und gleichzeitig genießerisch auskostender Dirigent. Allenthalben leuchtete romantische Glut auf, und in das feierlich-ernste Thema mischten sich immer wieder tänzerische, verspielte Elemente und kleine Hinweise auf Elfenzauber, wie man es bei Mendelssohn aus dem „Sommernachtstraum“ kennt.
Zauber der Mittellage
Eine schöne Wirkung ging vom satten, warmen Streicherklang der Mittellage aus - und genau diesen Effekt führte auch die Aufführung im anschließenden Kantatenteil mustergültig vor. Anders als die in den Spitzen glänzenden Opernchöre italienischer Prägung entfaltet sich hier der ganze Zauber - in guter deutscher Tradition - aus den weichen Mittellagen des gemischten Chores. Von Hoffmann bestens präpariert, klar in der Artikulation und Intonation erwies er sich im Eingangschor „Alles, was Odem hat“, dem machtvoll rauschenden Stück „Die Nacht ist vergangen“, in „Nun danket alle Gott“ und dem triumphalen Schlusschor „Ihr Völker, bringet her dem Herrn“ als stimmgewaltiger Klangkörper, der in seinen Schattierungen zu vielerlei Nuancen des Ausdrucks fähig ist.
Reizendes Duett
Mit engelsgleichem Gesang trat Odilia Vandercruysse (Sopran) hervor und bannte die Zuhörer mit ihrem Vortrag voller Ausdruck und Zartgefühl. Im überaus reizenden Duett mit Carla Maffioletti (Sopran), „Ich harrte des Herren“, war alles Anmut und reiner Wohlklang. Als Tenor mit wunderbar klarer, pointierter Stimme vervollständigte Andreas Karasiak das Trio der Gesangssolisten. Die Spannung in seiner Arie mit der dreimal gestellten Frage „Hüter, ist die Nacht bald hin?“ war zum Greifen nahe.
Der Konzertabend hatte mit der kunstvollen Darbietung der 22-jährigen, aus Bulgarien stammenden Nadezhda Rossenova Rousseva begonnen, die in der Reihe „Auftakt“ als Solistin am Marimbaphon den 2. Satz aus dem Konzert für Marimba und Streicher von Emmanuel Séjourné spielte. Fingerfertig, flink und sehr beweglich setzte die Studentin der Frankfurter Hochschule für Musik einige Glanzlichter in dem spätromantisch angehauchten, leicht melancholischen Werk.
Nur wenige Kompositionen des 20. Jahrhunderts üben eine derart suggestive Wirkung auf das Publikum aus wie das „Adagio for strings“ von Samuel Barber. Hier dirigierte Hoffmann mit weit ausholenden Armbewegungen, fast beschwörend, und das verhaltene Thema, dessen weit schwingendes Melos eine Aura der Zeitlosigkeit vermittelt, entfaltete sich in einer Reihe von dynamischen Terrassen, wobei sich die Intensität Schritt um Schritt steigerte.
Ohne Übergang schlossen sich daran die „Chichester Psalms“ von Leonard Bernstein an. Sie stellen Bernsteins deutlichste Auseinandersetzung mit seiner jüdischen Herkunft dar. Er benutzt darin die hebräische Fassung von Psalmen und Psalm-Ausschnitten. Die Partitur sieht neben Chor und Knabensolo ein Orchester aus Streichern, je drei Trompeten und Posaunen sowie zwei Harfen und Schlagzeug vor. Geheimnisvoll-expressiv, mit gelegentlichen Anklängen an die „West Side Story“ und mit ständigem Wechsel des Rhythmus stellen die „Chichester Psalms“ eine enorme Anforderung an einen Chor, doch bei der Aufführung im Stadttheater zeigte sich, dass Hoffmann mit seinen Chorsängerinnen und -sängern offenbar sehr gute Vorarbeit geleistet haben muss, denn die meisterten die Aufgabe mit Bravour. So kamen die Zuhörer in den Genuss eines farbenreichen, lebendig durchpulsten Musizierens.
Thomas Schmitz-Albohn, 4.11.2010, Gießener Anzeiger